In den Westen geschafft!

Links im Bild, der selbstgebaute Flucht-Ballon, mit dem die beiden Familien Strelzyk und Wetzelm, in der Nacht des 16. September 1979, die innerdeutsche Grenz überquerten - Fotos: privat

Am 16. September 1979, nachts um 2.32 Uhr, setzte sich auf einer Waldlichtung im Saale-Orla-Kreis (Thüringen) ein mit zwei Familien besetzter selbstgebauter Heißluftballon in Bewegung. Eine der wohl spektakulärsten Fluchten aus der DDR nahm ihren Lauf und endete glücklich nach 28 Minuten nahe dem Städtchen Naila im Frankenwald in Bayern. Günter Wetzel ist einer der beiden Ballon-Piloten. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls sprachen wir mit diesem besonderen Zeitzeugen.

Herr Wetzel, Sie hatten bis zum Mauerfall 1989 bereits 10 Jahre in der Bundesrepublik gelebt. Wie empfanden Sie diese Zeit?

Unsere Flucht hatte natürlich für sehr viel Aufsehen gesorgt. Die Wochen und Monate nach der Ankunft waren geprägt von Interviews und Einladungen. Zeitgleich begannen wir aber, uns unser neues Leben aufzubauen. Zum Jahreswechsel 1980 zog sich meine Familie aus der Öffentlichkeit zurück. Wir wollten einfach einen normalen Alltag, abseits der Medienpräsenz. Diese 10 Jahre vor der Mauer-Öffnung schenkten uns einen gewissen Vorlauf, um uns in dem anderen Gesellschaftssystem einzuleben. Gegenüber den Veränderungen, welche die Wende mit sich brachte, sehe ich das als wirklichen Vorteil.

Günter Wetzel (li.) und Willy Weinmann mit Zelt-Nylon für den Ballon

Aus heutiger Sicht würden Sie, so sagten Sie einmal, diese Flucht nicht mehr unternehmen. Letzten Endes war es, mit Verlaub, doch ein Himmelfahrtskommando …

Wir hatten keine latente Angst, falls Sie das meinen. Natürlich ließen wir während der Vorbereitungen größte Vorsicht walten. Den Ballon-Stoff beispielsweise kauften wir im gesamten DDR-Gebiet, immer in nur kleinen Mengen, um nicht aufzufallen. Was den Flug betrifft, so hatten wir den Sicherheitsgedanken mehr oder weniger verdrängt. Wir waren überzeugt davon, dass uns nichts passieren könnte. Eine gewisse Blauäugigkeit muss ich uns da schon bescheinigen. Eine Rolle für unsere Entscheidung, zu fliehen, hat natürlich gespielt, dass wir uns in der DDR zunehmend gefährdet fühlten. Wir steigerten uns schließlich in diesen Gedanken auch hinein. So war es in gewisser Weise auch ein Selbstläufer. Aber alles ging gut. Die Freude war natürlich riesig, als wir uns sicher waren, auf Bundes-Territorium zu sein. Wir hatten es geschafft, wir waren im Westen.

Sie nennen es „Selbstläufer“. Was wäre passiert, wenn Sie entdeckt worden wären?

Dafür hatten wir uns abgesichert. Ein Verwandter aus dem Westen hatte Fotos von den Vorbereitungen mitgenommen, welche die Ballon-Geschichte nachweisbar machten. Wenn wir uns nicht wie vereinbart gemeldet hätten, wäre er aktiv geworden. Die Alternative war dann ein Freikauf durch die Bundesregierung gewesen, die in dieser Zeit politische Gefangene freigekauft hat.

Zurück zum Heute: Ihre Geschichte veranschaulicht die Teilung Deutschlands in sehr spektakulärer Weise. Sie sind inzwischen ein gefragter Zeitzeuge. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Es war alles weitaus weniger spektakulär als das, was die Medien daraus gemacht haben. Wir haben in den vergangenen 40 Jahren seit der Flucht ein ganz normales Leben geführt, mit Höhen und Tiefen, wie Millionen anderer Bundesbürger auch. Wenn allerdings die Ursachen und Umstände unserer Flucht geeignet sind, die Geschichte der Teilung Deutschlands anschaulicher zu machen, dann leiste ich diesen Beitrag sehr gern.

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