Liebesrausch im Weltnaturerbe Wattenmeer

Foto: www.thomashellmann.de

Das Wattenmeer wird in diesem Jahr an der niedersächsischen Küste groß gefeiert, denn es gehört seit 10 Jahren zum UNESCO Weltnaturerbe. Um dieses Jubiläum gebührend zu würdigen, gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Veranstaltungen und Programmen. Eine besondere Aktivität offenbart intime Details über das Liebesleben der Tiere im Watt.

Joke Pouliart erzählt über die Fortpflanzungspraktiken der Watt-Tiere – Foto: Andrea Ullius, www.ullala.ch

Im Wattenmeer leben etwa 10.000 mit bloßem Auge sichtbare Tierarten. Ihre Welt ist voller spannender Phänomene, und einige davon sind wirklich skurril. Zum Beispiel die Fortpflanzung der Pantoffelschnecke: Die wechselt bei Bedarf ihr Geschlecht, für andere Schnecken und Muscheln ist Jungfernzeugung üblich. Im Mai können Paare und Singles an der niedersächsischen Nordseeküste mehr über das Liebesleben der Wattbewohner erfahren – und mit etwas Glück auch direkt beobachten, wie bei den Tieren die Frühlingsgefühle erwachen. Auch die Seehunde, die bekanntesten Säugetiere im Wattenmeer, sammeln sich von Mai bis September auf den Sandbänken, um Junge zu gebären. Der Mai steht ja generell für Fruchtbarkeit und Liebe, auch im Wattenmeer. Deshalb haben Wattführer an der niedersächsischen Nordseeküste diesen Monat für ihre Führungen über die Fortpflanzungsstrategien und das Liebesleben der Tiere ausgewählt.

Matthias Schulz ist bei Ebbe mit seinen Gästen auf dem Meeresboden vor der Halbinsel Butjadingen unterwegs. „Liebesrausch im Weltnaturerbe“ nennt er seine Führung, bei der es direkt zur Sache geht. „Alles zum Thema wird angesprochen und mit etwas Glück auch beobachtet“, verspricht er. Beispielsweise die Praktiken der Seepocken, die genau genommen kleine Krebse sind. Bereits als Larve müssen sie die Entscheidung treffen, wo sie sich ein Leben lang niederlassen. In den Gezeitenzonen können das Pfähle und Buhnen sein, wo schon Artgenossen wohnen. Und weil sich die Seepocken danach nicht mehr vom Fleck rühren können, erreicht der Penis zur Fortpflanzung immerhin doppelte Körperlänge. Damit die Vermehrung auf jeden Fall klappt, sind Seepocken Zwitter.

Foto: Janina Beck, Die Nordsee GmbH – Foto: Janina Beck, Die Nordsee GmbH

Unter der Devise „Frühlingsgefühle im Wattenmeer“ bietet Wattführerin Jessica Supthut küstennahe Rundwanderungen für Paare und Singles an. Los geht‘s in Neßmersiel, dem kleinsten Badeort an der ostfriesischen Nordseeküste, von dort über die Salzwiesen und bis zu einem wassergefüllten Priel im Watt. See- und Meerringelwürmer legen im Frühjahr gut sichtbare Eiballen auf der Wattoberfläche ab. Die Wattführerin verrät augenzwinkernd die intimsten Geheimnisse der Meerringelwürmer, auch wenn die so romantisch gar nicht sind: Männchen wie Weibchen überantworten Eier und Spermien dem Wasser und paaren sich auf Distanz. „Andere Ringelwürmer haben da schon mehr Spaß: Es gibt zwittrige und geschlechtliche Praktiken, je nach Lebensweise“, so Supthut.

Wer ein Fernglas dabeihat, kann auf einer nahegelegenen Salzwiese die unterschiedlichsten Vogelarten bei der Brut beobachten und dabei mehr über ihre Liebesgeschichten erfahren. So sind Austernfischer dem Brutplatz treu und meist monogam. Vögel, die sich dennoch trennen (meist die Weibchen), werden quasi belohnt: Sie haben größere Chancen auf einen besseren Nistplatz und bekommen sogar bis zu zwanzig Prozent mehr Nachkommen.

Wattführer Joke Pouliart vom Wattwanderzentrum Ostfriesland erzählt auf seiner Tour an verschiedenen Standorten ebenfalls ganz unverblümt von den Sexpraktiken der Watt-Tiere. „Watt ohne Tabus – über die Vielfalt von Lust und Liebe im Weltnaturerbe“ nennt er seine Führung. Bei Plattmuscheln findet beispielsweise die Befruchtung im Mai im freien Wasser statt, bereits nach wenigen Wochen wird aus der Larve dann eine kleine Muschel. „Muscheln und Schnecken sind nicht nur die Nahrungsgrundlage für Millionen von Vögeln im Nationalpark, sie bieten auch reichlich Stoff. Mit Jungfernzeugung, Zwittrigkeit oder sogar Geschlechtsumwandlung gibt es ausgerechnet bei den unscheinbaren Schnecken fast nichts, was es nicht gibt“, erzählt Joke Pouliart. So brachte ein Vaterschaftstest bei Pantoffelschnecken das erstaunliche Ergebnis, dass ein Teil der Larven zwei Mütter hatte. Grund: Nach der Befruchtung der weiblichen Tiere hatten sich die Vaterschnecken ebenfalls in Weibchen verwandelt.

Natürlich kann man nicht nur das Liebesleben der Tiere hautnah erleben, sondern auch das Frühlingserwachen der Pflanzen. So blühen im Mai beispielsweise Strand-Grasnelke und Gänsefingerkraut. Der Strandflieder zaubert dann etwas später wunderschöne violette Blütenteppiche.

Diese speziellen Wattführungen dauern 90 Minuten, es dürfen maximal 15 Interessierte teilnehmen – natürlich erst ab 16 Jahren. Weitere Termine und Angebote findet man auf der Website.

Übernachten für zwei:
Paare, die sich vom Liebesrausch im Wattenmeer haben anstecken lassen, buchen an der niedersächsischen Nordseeküste eine Auszeit inklusive romantischer Übernachtung: Ein Zirkuswagen ist perfekt für Romantiker. Im Dornumerland stehen auf dem Campingplatz sieben sogenannte Pipowagen mit Blick über die Salzwiesen und das Wattenmeer. Oder doch lieber ein Schäferwagen? In mehreren Küstenorten können Paare einen Nordseekarren in auffälligem Blau und Weiß mieten. Wenn es wärmer wird, ist Übernachten unter dem Sternenhimmel in Schlafstrandkörben möglich. www.die-nordsee.de