Den Wölfen auf der Spur

Im Wolfcenter Dörverden kann man die dort lebenden Tiere beobachten. Fotos: Christiane Flechtner

Wer sich Wölfe nicht nur im Gehege anschauen und in seinem Urlaub mal etwas ganz anderes machen möchte, der kann als Spurensucher*in beim Artenschutz in Niedersachsen helfen und an einer Wolfs-Expedition teilnehmen.

Jeder Schritt von Nikki Rouse knirscht auf dem steinigen Weg. Vermischt mit den fallenden Regentropfen ergibt das eine beruhigende Geräuschkulisse. Dennoch sind alle Sinne geschärft; ihre Augen abwechselnd auf den Boden und in die Ferne gerichtet, um die Spuren eines Wolfs zu finden oder eines der scheuen Raubtiere sogar persönlich zu sehen. Die Australierin ist eine von zehn internationalen Teilnehmern einer Wolfs-Expedition in Niedersachsen, die seit 2017 von der Naturschutzorganisation Biosphere Expeditions durchgeführt wird. Die Organisation ist bekannt für ihre erfolgreiche Einbindung von Laienhelfern in weltweite Artenschutzprojekte und arbeitet seit 1999 Hand in Hand mit Menschen und Biologen in den Projektgebieten – so auch in der Lüneburger Heide. „Wir wollen Wissenschaftlern dabei helfen, ihre Forschungsprojekte über den Wolf durchzuführen – und dafür rekrutieren wir motivierte Menschen, die in ihrem Urlaub Daten sammeln“, erklärt Biosphere-Expeditionsleiterin Malika Fettak.

Wölfe durchzogen Europa schon vor rund 400.000 Jahren. Sie lebten mit ihren Rudeln auch in Deutschland – bis sie vor 150 Jahren ausgerottet wurden. Doch nun sind sie zurück – und erobern sich ihren alten Lebensraum zurück. Die Rückkehr der Wölfe ist eine Erfolgsgeschichte für den Naturschutz, aber auch eine Herausforderung, denn die scheuen Raubtiere nicht überall willkommen. Es gibt viele Vorurteile – Grimms Märchen haben die Angst geschürt, und Landwirte sind um ihre Weidetiere besorgt.

Gefühlt mitten im Nirgendwo, zwischen Hamburg, Bremen und Hannover, sind nun neben der Australierin auch drei Engländer, eine Brasilianerin, drei Deutsche und eine Teilnehmerin aus dem Oman täglich bis zu 20 Kilometer unterwegs, um so viele Daten wie möglich über die hier lebenden Wölfe zusammenzutragen. Diese fließen dann in das Monitoring des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz ein, um Maßnahmen rund um Natur- und Artenschutz, Wolfsmanagement und Herdenschutz an der Realität auszurichten. „Durch das Wolfsmonitoring haben wir ein aussagekräftiges Bild der Population und ihrer Entwicklung erhalten“, sagt Wolfsforscherin und Wolfsbotschafterin Lotte Steinberg. So wurde festgestellt: Von den in Deutschland lebenden 209 Rudeln leben insgesamt 56 in Niedersachsen. Hinzu kommen vier Wolfspaare und drei Einzelwölfe. Niedersachsen ist somit eines der Bundesländer mit der aktuell höchsten Wolfsdichte.

Ein Besuch des Wolfcenters Dörverden samt Führung bildet den Start der Expedition. „So könnt Ihr Wölfe live beobachten und erhaltet viele Infos über ihr Verhalten“, erklärt Malika. Einen Tag später beginnen die Wanderungen: Ausgestattet mit GPS, Kompass, Zollstock und anderen Messgeräten, heften sich alle hochmotiviert „an die Fersen“ von Isegrim. Mit dabei auch Lotte und ihr Dalmatiner Theo. Durch die Wissenschaftlerin wissen die Teilnehmer, dass die Wolfslosungen sich meist auf Wegen, insbesondere an Kreuzungen, befinden. „Dort solltet Ihr intensiv suchen – und sie einsammeln, denn wir benötigen sie für Nahrungs- und Genanalysen. Unsere bisher gesammelten Losungen enthielten häufig Haare, Knochen und auch Zähne – und die Analysen bestätigten, dass die Nahrung hauptsächlich aus natürlichen Beutetieren wie Dam- oder Rehwild besteht und selten aus Weidetieren“, fügt Lotte hinzu. Auch Wolfsspuren gelten als Beweis für ihre Existenz: „Wölfe fallen oft in den geschnürten Trab“, sagt sie. „Diese energiesparende Fortbewegungsart, bei der die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten gesetzt werden, erzeugt eine gerade Spur. Wenn Ihr diese seht, macht bitte Fotos davon“, bittet sie die Gruppe.

Die Wanderungen führen über Schotter- und Sandwege, durch Felder und dichte Wälder. Unterwegs treffen die Projektteilnehmer auf Rehe, Wildschweine, Hasen und viele Schmetterlinge – doch nie auf einen Wolf. Allerdings sind sie erfolgreich im Einsammeln von Häufchen, deren extremer Geruch sich bei allen ins Gedächtnis brennt. An den Abenden werden die Funde ausgewertet, und die Gruppe vertieft sich in Gespräche über den Wolf und seine Rolle in der Natur – am letzten Abend sogar am Lagerfeuer mit Stockbrot und Wein. „Diese Woche war fantastisch“, sagt Nikki. „Es ist ein gutes Gefühl, gemeinsam mit anderen Naturverbundenen etwas zu Naturschutz und Wissenschaft beizutragen. Es war meine erste Expedition und wird nicht die letzte gewesen sein.“

Die nächsten Wolfexpeditionen finden vom 4. bis zum 10. Juli und 11. bis zum 17. Juli 2026 statt.

Infos: www.biosphere-expeditions.org