Eine Welthauptstadt zum Vernaschen

Mit Hand-Arbeit zum Marzipan-Abitur. Foto: Marzipanland GmbH

Den berühmten Lübecker Weihnachtsmarkt verpasst? Kein Problem, in rund zehn Monaten können Sie dort wieder süße Spezialitäten verkosten. Das dauert Ihnen zu lange? Dann seien Sie versichert, dass die Stadt an der Trave nur ein paar Schritte hinter dem winterlichen Weihnachts-Marktplatz in Form des Niederegger-Stammhauses eine nationale Pilgerstätte für Nasch-Junkies ganzjährig betreibt. Motto: „Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.“ Etwas Süßwaren-Bildung gibt’s hier sogar noch obendrauf. Schließlich befinden wir uns in Lübeck, der „Welthauptstadt des Marzipans“.

Maritimer Form-Faktor: Bei Niederegger waren kreative Konditoren am Werk. Foto: Harald Dudel

In den Schaufenstern des Niederegger-Stammhauses finden sich saisonal wechselnde Marzipan-Nachbildungen, mal von weißen Winter-Landschaften, mal von etwas üppigen Badenixen und immer wieder variiert dem prägnanten Welt-Kulturerbe Holstentor. Wer nach dieser Voraus-Schau ins Geschäft eintritt und die stets quirlige Eingangsetage mit ihren Tausenden Exponaten durchschritten hat, muss sich nur noch nach rechts zum Aufzug durchschieben. Die in Form einer Praline gestylte Aufzugstaste ruft den Lift, der einen dann Richtung Marzipan-Museum trägt. Dort ist auch der Ort, um bei einer Führung die Rolle von Marzipan als Not-Brot auszutauschen. Auch witzige Exponate wie ein VW-Bulli Bus präsentieren sich dort stolz hinter Glas. Sogar ein 3D-Drucker steht zur Verfügung. Dessen Ausdrucke können allerdings nicht ansatzweise mit handgeformten Pralinen Schritt halten, wie vergleichende Herstellungs-Demonstrationen gezeigt haben. Auf dem Rundgang aber dominiert erst einmal der Grund-Rohstoff: Mandeln über Mandeln häufen sich hinter und unter höchst trittsicherem Glas. Orientierung schafft auch eine Wand-Landkarte. Diese dokumentiert, dass im Jahr Achtzehnhundert rund 135 Konditoreien in der Lübecker Marzipan-Branche tätig waren. In dieser historischen Tradition wurde im Jahre 1974 der „Verein zum Schutz des Herkunftsgewährzeichens Lübecker Marzipan e. V.“ – kurz Marzipanverein – mit seinerzeit acht Mitgliedern gegründet.

Derzeit gibt es verschiedene Hersteller von Original Lübecker Marzipan. Streng wacht der Verein darüber, dass wo Lübecker Marzipan draufsteht, auch Lübecker Marzipan drin ist: Nämlich mindestens 70 Prozent Mandel-Rohmasse sowie höchstens 30 Prozent Zucker. Variationen von Ingredienzien und Verfahren prägen dann die Geschmacksnoten der einzelnen Hersteller.

Und wo findet sich die Konkurrenz in der Lübecker Stadtlandschaft? Fast nebenan. Sie ist fußläufig Richtung Holstentor nur wenige Laufminuten vom Niederegger-Stammhaus entfernt. Im sogenannten Marzipanspeicher wird zu bestimmten Zeiten eine Marzipan-Show zelebriert. In diesem Rahmen können interessierte Gäste unter Anleitung erfahrener Konditoren eine Marzipan-Rose oder einen Marzipan-Hund formen. Als Belohnung für diese Hand-Arbeit wird den Teilnehmern das „Lübecker Marzipan-Abitur“ verliehen.

Ein paar Altstadt-Querstraßen Richtung Krähenteich residiert mit der Firma Mest der Dritte Große im Bunde. Auch hier finden sich neben reichlichem Verkauf Informationen zum Thema.

Ein Geheimtipp bei allen Herstellern ist und bleibt der Werksverkauf: Dort bitte unbedingt nach Bruch fragen. In den preisreduzierten, schmackhaften Wundertüten sind bereits jetzt süß-überraschende Frühlingsgefühle für den Gaumen inkludiert.

www.niederegger.de/cafe
www.marzipanland.de
www.mest.de

Kleine Marzipan Geschichte

Die Ursprünge liegen unbestritten in Persien, doch im Barock entdeckten europäische Zuckerbäcker den Stoff als Modelliermasse für kunstvolle Schaustücke. So ließen fränkische Patrizier ihre Familienwappen aus Marzipan fertigen und kreative Konditoren schufen Marzipanbrot, Marzipanfrüchte und fantasievoll gefüllte Pralinen.

Erstmals findet sich die Bezeichnung Marzipan in Lübecker Zunftrollen von 1530. Doch erst 300 Jahre später sorgte eine boomende Rübenzucker-Produktion für eine „Verbürgerlichung“ des Marzipans.

1806 gründeten zwei Konditoren die ersten Marzipan-Manufakturen im deutschsprachigen Raum: In Reval (Tallinn/Estland) der Schweizer Konditor Lorenz Caviezel und in Lübeck eben Johann Georg Niederegger. Auch in und um Nürnberg entwickelte sich eine Marzipan-Kultur. Für Lübeck ist überliefert, dass Marzipanverkauf ein Privileg der Apotheker war, was sich sehr rasch ändern sollte …